Wenn Schüler Schule gestalten
Lernen durch Engagement – Einblicke in ein besonderes Wahlpflichtprojekt an der Friedrich-Junge-Schule Kiel
Ein Projekt, das Sauberkeit bewirkt – und Denken verändert: Im Wahlpflichtunterricht „Lernen durch Engagement“ (LdE) machen Schülerinnen und Schüler der Friedrich-Junge-Schule praktische Erfahrungen mit Verantwortung, Beteiligung und Selbstwirksamkeit. Die Lehrerinnen Liza Radler und Rebecca Mozarski berichten, wie aus Ideen greifbare Ergebnisse werden – und was sie selbst dabei gelernt haben.
Projekt Klopolis: Mehr als nur saubere Toiletten
„Ich habe im letzten Jahr bereits im Interview von unserem Wahlpflichtunterricht erzählt“, erinnert sich Liza Radler. „Da sind total tolle Projekte draus entstanden.“ Besonders prägend war das Projekt „Klopolis“. Ziel war es, die Toilettenräume an der Schule sicher und sauber zu gestalten und feste Zuständigkeiten zu etablieren – ein Thema, das zunächst unscheinbar klingt, aber viel verändert hat. „Drei Mädchen aus unserem Kurs waren ganz maßgeblich beteiligt. Wir haben gemerkt: Es hängt wirklich an den Schülern, die sich engagieren.“ Ein Versuch, das Projekt an eine andere Jahrgangsstufe zu übergeben, scheiterte. Die notwendige Verbindlichkeit fehlte. „Jemand macht das schon – und im Endeffekt macht es dann niemand“, fasst Radler zusammen. Darum wurde Klopolis wieder fest in den Wahlpflichtunterricht integriert. „Wenn man gemeinsam als Gruppe drei Stunden pro Woche an so etwas arbeitet, entstehen schöne Dinge.“
Verantwortung übernehmen und weitergeben
Ab dem kommenden Schuljahr übernimmt Rebecca Mozarski den Kurs in Jahrgang 10. Sie verfolgt einen generationsübergreifenden Ansatz nach dem Motto „Von Schülern für Schüler“: „Der jetzige Zehnerkurs soll den neuen Siebenern erklären, was Klopolis ist, wie es entstanden ist, wie es fortgeführt werden kann – und was die Jüngeren vielleicht anders oder besser machen würden.“ Wichtig sei dabei, Verantwortung zu übernehmen, andere anzuleiten und auch loslassen zu lernen: „Wenn die Zehntklässler gehen, sollen sie wissen, dass es weitergeht – im besten Fall reibungslos.“
Vom Unterricht zur Feier: Ein Projekt mit persönlichem Antrieb
Parallel wird im Unterricht ein weiteres Projekt umgesetzt: Die Organisation des eigenen Abschlussballs. „Die Zehner sind da Feuer und Flamme“, so Rebecca Mozarski. „Weil so etwas sonst oft in der Freizeit untergeht, geben wir den Schülerinnen und Schülern den Gestaltungsfreiraum im WPU.“ Wie junge Menschen auf Verantwortung reagieren, sei ganz unterschiedlich. „Manche blühen richtig auf, wenn sie merken, dass sie etwas bewirken können und dafür Wertschätzung erhalten“, sagt Rebecca Mozarski. Andere brauchen Unterstützung, wieder andere reagieren mit Überforderung, Rückzug oder Aufmüpfigkeit. „Aber unterm Strich ist Lernen durch Engagement ein Projekt, bei dem jeder, der etwas bewegen will, schnell sieht, dass es gewürdigt wird – und dass es funktioniert.“
Vom Rollenfinden zur Selbstermächtigung: Wie Gruppen zusammenwachsen
Auch Liza Radler kennt typische Gruppenprozesse: „Am Anfang wird getestet – wer übernimmt welche Rolle, wer hat den Hut auf? Dann gibt’s meist eine Knirschphase, in der Konflikte ausgetragen werden. Und dann geht’s ans Arbeiten. Der Schlüssel liegt von uns aus darin, diese Anfangsphase gut zu begleiten.“ Sobald erste Erfolge sichtbar sind, komme die Motivation von allein. „Diese Selbstermächtigung und die Erfahrung, etwas Positives beigetragen zu haben – und dafür nicht nur von Lehrkräften, sondern auch von außen Wertschätzung zu erhalten – motivieren ungemein.“
Ziele greifbar machen und Sinn vermitteln
Damit das gelingt, braucht es von Anfang an ein klares Ziel. Rebecca Mozarski erklärt: „Wenn ich ein Projekt starte und sage: Ich möchte meinen Garten umgraben – dann ist das die eine Sache. Aber wenn ich ein Bild davon habe, wie er am Ende aussehen soll, ist das viel motivierender.“ Ihre Aufgabe sei es, den Schülerinnen und Schülern dieses Ziel zu vermitteln und sie auf Kurs zu halten. Auch Liza Radler betont: „Ich war selbst ein Kind, das sich ungern etwas sagen ließ, wenn ich keinen Sinn darin gesehen habe. Gerade im Fachunterricht ist die Frage ‚Wozu brauche ich das?‘ oft schwer zu beantworten. Im Projektunterricht kann ich sie zu 99 Prozent gut beantworten – und auch so, dass ich dahinterstehe.“
Engagement, das auf das Leben vorbereitet
Für Rebecca Mozarski ist Lernen durch Engagement vergleichbar mit ehrenamtlichem Engagement: „Diese Tätigkeit gibt einem so viel zurück. Und als Lehrer kennt man das ja: ein zufriedenes Kinderlächeln am Ende ist unbezahlbar.“ Viele Schüler nehmen aus dem Projekt Fähigkeiten mit, die ihnen später nützen – beim Sprechen vor Gruppen, im Organisieren oder in der Übernahme von Verantwortung im Verein. „Das fehlt heute oft – und genau das versuchen wir mit dem Projekt zu fördern.“
Begleiten, ermutigen, loslassen
Was haben die beiden Lehrerinnen selbst bislang aus den LdE-Projekten gelernt? „Dass es manchmal wellenförmig läuft“, sagt Liza Radler. „Auch wenn man eine gute Phase hat, muss man sagen: Es kann auch wieder ein Stück bergab gehen. Die Lernkurve verläuft nicht nur steil nach oben.“ In Projektphasen sieht sie sich nicht als klassische Lehrkraft, sondern als Begleiterin. „Ich versuche, die Zügel in der Hand zu halten, aber lasse auch bewusst los. Selbst wenn ich von einer Idee nicht begeistert bin, sage ich: Probiert es aus.“ Rebecca ergänzt: „Gerade Misserfolge muss man aushalten. Man sieht oft schon vorher: Das geht schief. Aber wenn ein Kind nie hinfällt, merkt es auch nicht, dass es wehtun kann. Und das gehört dazu.“ Wichtig sei, danach zu sagen: „Nicht schlimm, steh auf, mach weiter.“ Liza Radler beschreibt eine Situation aus dem letzten Schuljahr, bei der es sich lohnte, hartnäckig zu bleiben: „Ich hatte drei Schülerinnen, die sich nicht trauten, etwas zu präsentieren. Ich habe ihnen gesagt: Doch, wir bereiten das gut vor – ihr schafft das. Heute sprechen sie vor Lehrerkollegien anderer Schulen.“ Dieses Durchhalten sei nicht nur für die Schülerinnen lehrreich gewesen, sondern auch für sie selbst. Rebecca Mozarski ergänzt: „Man muss gut einschätzen können, wie viel man einem Schüler zumuten kann. Und manchmal muss man sagen: Heute geht nichts mehr – vielleicht morgen wieder.“ Gerade in der Pubertät sei das nicht immer planbar, aber sehr spannend zu begleiten.
Neue Impulse und Interesse von außen
Im neuen Schuljahr wird Rebecca Mozarski die Leitung des Projekts übernehmen. Für Liza Radler steht fest: „Ich habe vollstes Vertrauen. Rebecca wird ihre eigene Dynamik mit den Schülern entwickeln. Jeder Jahrgang ist anders – was bei einem funktioniert, klappt beim nächsten vielleicht nicht.“ Ihre Kollegin sieht das ähnlich: „Der jetzige neunte und zehnte Jahrgang ist sehr unterschiedlich. Manche gehen Dinge mit mehr Nachdruck an, andere brauchen mehr Anleitung. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.“ Schon jetzt stößt das Projekt auch außerhalb der Schule auf Interesse. „Wir hatten Schulen zu Besuch, die Klopolis übernehmen wollen“, berichtet Liza Radler. „Wir waren bei der Hertie-Stiftung, eine Schule aus Friedrichsort war mit ihrer UNESCO-Delegation hier.“ Gut möglich, dass daraus ein regelmäßiger Austausch wird.
Eigeninitiative – für Räume, Gemeinschaft und Zukunft
Auf die Frage, welche drei Begriffe das Projekt am besten beschreiben, antworten die beiden Lehrerinnen gemeinsam: Selbstwirksamkeit, Lösungsorientiertheit und Haltung. Die Lehrerinnen wünschen sich, dass sich durch das Projekt langfristig etwas in der Schulkultur verändert. „Ich bin gespannt, ob die jüngeren Schüler, die jetzt damit groß werden, das Projekt von Anfang an verinnerlichen“, sagt Rebecca Mozarski. Vielleicht führe das dazu, dass sie Toiletten als Teil ihres eigenen Verantwortungsbereichs sehen. „Wie mein Zimmer zu Hause – das soll ordentlich sein.“ Der Blick geht dabei über die Schule hinaus: „Vielleicht entwickelt sich ein neues Bewusstsein – für Räume, für Verantwortung, für Gemeinschaft“, so Rebecca Mozarski. „Und vielleicht wirkt das irgendwann auch in die Gesellschaft hinein.“ Für beide ist klar, dass Lernen durch Engagement mehr ist als Unterricht. „Wir sind beide Lehrkräfte geworden, weil uns genau solche Projekte in unserer eigenen Schulzeit begeistert haben“, ergänzt Liza Radler. „Schule ist nicht nur Mathe, Deutsch, Englisch. Es ist ein Lebensraum.“ Und wenn Schüler am Ende sagen: „Das haben wir bewirkt. Deswegen ist es jetzt schön hier“, dann, so Radler, „ist das ein echter Gänsehautmoment“.
TEXT Anja Nacken / Markus Till
FOTO Mubarak Bacondo
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