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„Tanzen ist mehr als Bewegung – es ist Ausdruck“

Wie Nadine Tiedemann jungen Menschen mit Tanz und Unterricht neue Perspektiven eröffnet – auf sich selbst und die Welt

Nadine Tiedemann unterrichtet Englisch, Geschichte und Weltkunde. Nicht nur mit ihren Fächern ist sie international aufgestellt, auch über den von ihr angebotenen Tanzkurs bringt sie Schülerinnen und Schülern kulturelle Werte der ganzen Welt nach Kiel. Seit nunmehr zwei Jahren bietet sie den freiwilligen Kurs in der Oberstufe als Vorbereitung auf den Abiball an. Im Gespräch erzählt die 36-Jährige, warum Tanzen für sie mehr als Bewegung ist, wie sie damit klassische Rollenbilder aufbricht – und weshalb Persönlichkeitsbildung für sie wichtiger ist als die Jahreszahlen im Kopf.

„Ich selbst tanze, seit ich ganz klein bin und habe die Erfahrung gemacht, dass das Tanzen an Schülerinnen und Schüler heute weniger herangetragen wird“, so die 36-Jährige. Vor allem die Kosten würden viele davon abhalten, privat einen Tanzkurs zu besuchen. „Wir konnten unser Angebot für zehn Euro pro Schüler umsetzen, weil der Förderverein es bezuschusst hat. Mit Unterstützung eines externen Tanzlehrers kommt das Angebot super an.“ Rund vierzig Anmeldungen konnte die Lehrerin die letzten Male verzeichnen und jungen Menschen aus Jahrgang elf bis dreizehn das Tanzen näherbringen. „Meistens melden sich mehr Jungs an. Ich glaube, viele Mädels haben schon ein bisschen Erfahrung, aber es sind natürlich auch die Pärchen, die sich dann oftmals gemeinsam anmelden. Dann schnackt der eine Kumpel noch seinen besten Freund mit und sagt: Lass mich da nicht alleine. Das ist bei den Mädchen weniger so. Die haben nicht so die Probleme, alleine hinzugehen“, weiß Nadine Tiedemann aus Erfahrung.

Zwischen Stundenplanstress und Entlastung

„Aus meiner Schulzeit kenne ich noch Tanzkurse, die für jeden obligatorisch waren. Das ist ein bisschen verloren gegangen. Das liegt vermutlich an der großen Belastung und den vielen Aufgaben, die die Schule heute abzuleisten hat und daran, dass die Schülerinnen und Schüler mehr Stunden in der Schule verbringen als früher und sie weniger Freizeit haben.“ So gäbe es bei Oberstufenschülern gerade einmal zwei kürzere Tage in der Woche mit sechs Schulstunden, an den restlichen drei Tagen seien zehn Schulstunden die Regel und der Unterricht damit erst um 16:10 Uhr zu Ende. Jedoch befinde sich die Stunden- und Pausenzeitregelung aktuell im Umbruch und werde im kommenden Schuljahr angepasst.

Alltag entschleunigen, Lernen erleichtern

„Die Anpassung sollen die Schülerinnen und Schüler entlasten. Es soll längere Blöcke und damit weniger Fachwechsel pro Tag geben. Die Kinder und Jugendlichen müssen dann nicht mehr so viel schleppen, und durch eine Reduktion der Raumwechsel kehrt ein bisschen mehr Ruhe in den Schulalltag ein. Es ist schon kognitiv belastend, wenn man acht, neun unterschiedliche Fächer am Tag hat. Als Erwachsener kennt man das kaum noch – auch wir als Lehrer nicht. Wir haben schließlich nur unsere zwei, maximal drei Fächer, auf die wir uns einstellen müssen. Die Schülerinnen und Schüler hingegen müssen alle 45 Minuten komplett umdenken. Das ist anstrengend. Wir erhoffen uns davon einen entzerrten Alltag.“ Die SV und der Schulelternbeirat waren an dem Entstehungsprozess beteiligt und der Beschluss wurde bei der Schulkonferenz mit großer Mehrheit beschlossen. So kann es nun in die Testphase gehen.

Follow oder Lead – alles im Fluss

Positiv erachtet sie die Offenheit der Tanzwelt und dass sie die klassischen Rollenstereotypen in weiten Teilen hinter sich gelassen habe. „Heutzutage muss die Frau nicht mehr darauf warten, dass der Mann sie zum Tanzen auffordert. Das übertragen wir auch auf unseren Tanzkurs. Mal gibt es Herrenwahl, mal Damenwahl und dann mal Partnerwechsel. Es tanzen auch Jungs miteinander oder Mädchen. Das ist alles im Fluss.“ Das starre Geschlechterbild hat sich auch bei den Bezeichnungen gelöst. So sei heute nicht mehr von „Herr und Dame“ die Rede, sondern von „Follow und Lead“.  Es gibt immer mehr gleichgeschlechtliche Tanzpaare und Turniere für gleichgeschlechtliche Paare, daher ist eine geschlechterneutrale Sprache nur angemessen.“

Fitness, Ausdruck, Selbstvertrauen

Im Verein tanzt Nadine Tiedemann aktuell nicht: „Im Studium war ich diesbezüglich aktiv, aber es ist doch recht zeitintensiv, auf Turnierniveau zu tanzen. Momentan mache ich das im Studio. Ich habe ein Fitnessstudio für mich gefunden, in dem es auf recht hohem Niveau zwei Kurse gibt, in denen ich mich ausleben kann. Zum einen im Bereich Dance Aerobic, wo es tänzerisch um Fitness und Kondition geht und zum anderen im Lyrical Dance, der in Richtung Contemporary geht. Da tanzt man sehr ausdrucksstark – in Socken oder barfuß.“

Ausdruck statt Auswendiglernen

Wo es passt, wird das Tanzen an der Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule stets integriert. „Wir haben hier immer wieder Projektwochen. Letztes Jahr habe ich im Rahmen derer ein Tanzprojekt geleitet und den Schülerinnen und Schülern viele unterschiedliche Stile, die ich über meine Lebenszeit kennengelernt habe, nähergebracht. Man weiß ja sonst gar nicht, was man sich unter den einzelnen Stilrichtungen vorstellen soll.“ Ihr selbst haben es Rumba und der langsame Walzer am meisten angetan. „Ich bin ein Mensch, der sich gerne über das Tanzen ausdrückt und liebe diese ganz ausdrucksstarken Stile mit fließenden Bewegungen. Tanzen ist ein Stück weit Selbstdarstellung und fordert dazu auf, ein bisschen aus sich herauszukommen. Vielleicht ist das der Mehrgewinn des Tanzens für den Unterricht –, dass die jungen Menschen lernen, dass es okay ist, wie sie sind und wie sie sich über das Tanzen selbst darstellen und ausdrücken. Tanzen ist mehr als Bewegung – es ist Ausdruck.

Miteinander schafft wertvolle Lernräume

Bevor sie an die Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule kam, absolvierte Nadine Tiedemann ihr Referendariat an einem Gymnasium. „An unserer Schule schätze ich vor allem die Schüler-Lehrer-Beziehung. Die harmoniert super und es ist ein angenehm sachliches Miteinander möglich, ohne distanziert zu sein – eine besondere Beziehungsarbeit, die ich am Gymnasium weniger erlebt habe. Da hat man eher mit den Eltern zu tun, weil sie darauf beharren, dass ihre Kinder gut unterrichtet werden. Hier arbeitet man mehr mit den Kindern. Das war eine große Umstellung. Aber ich bin jetzt mittlerweile fünf Jahre hier und das ist tatsächlich etwas, das ich genieße und alles, was man sich als Lehrkraft wünscht. Ich habe immer gesagt, wenn die jungen Erwachsenen hier rausgehen und sie sagen, ich nehme wirklich etwas mit für meine Persönlichkeitsentwicklung, für meine Charakterentwicklung, ich weiß, wie ich im Leben zurechtkomme, dann bin ich zufrieden.“

Geschichte mit Haltung

So sieht Nadine Tiedemann ihren Lehrauftrag vor allem in der Charakterbildung: „Ob die Absolventinnen und Absolventen nachher jede Jahreszahl aus dem Geschichtsunterricht kennen, ist nicht so relevant. Mir sind die großen Zusammenhänge wichtig.“ Dabei erachtet sie die Demokratiebildung innerhalb des Geschichtsunterrichts als essentiell. „Deutschland befindet sich neben weiteren Ländern im Umbruch. Es gibt globale Krisen, es gibt Kriege, es gibt Proteste. Da muss man einfach wissen, woher diese Gedanken und warum agieren die Menschen so, wie sie agieren. Diese Aussageabsichten zu hinterfragen, ist ein großes Ziel des Geschichtsunterrichts. Es ist mir wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler Aussagen hinterfragen und bewerten können, die ihnen im Alltag begegnen und Informationen, die sie erreichen nicht unreflektiert abnicken. Diese Fähigkeiten braucht es, um die Demokratie zu schützen und zu bewahren.“

TEXT Kristina Krijom / Markus Till
FOTO Yan Berthemy (Unsplash)

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