„Informatik lebt vom Entdecken“
Wie Alexander Krauss das neue Pflichtfach Informatik mit Leben füllt
Mit dem Schuljahr 2024/25 ist Informatik Pflichtfach in der Sekundarstufe I an allen weiterführenden Schulen Schleswig-Holsteins. Vier Unterrichtsstunden sind verbindlich – wann und wie sie erteilt werden, bleibt den Schulen überlassen. Zwei Jahre lang wurde das neue Fach erprobt, die Evaluation zeigt: Das Modell mit zwei Stunden in Klasse 7 und 8 hat sich durchgesetzt. Um den wachsenden Bedarf an Informatiklehrkräften zu decken, hat das Bildungsministerium eine umfassende Weiterbildungsoffensive gestartet. Einer, der sie durchlaufen hat und nun mit Begeisterung Informatik unterrichtet, ist Alexander Krauss. Der 43-Jährige bringt nicht nur Fachwissen, sondern auch jede Menge Leidenschaft mit – und eine klare Vision, wie das Fach Schülerinnen und Schüler fit für die Zukunft macht.
Quereinstieg ins Pflichtfach
Alexander Krauss unterrichtet Deutsch, Biologie – und seit Kurzem auch Informatik. Ein ungewöhnlicher Fächerkanon? Vielleicht. Aber einer, der seiner Ansicht nach gut funktioniert: „Ehrlich gesagt bin ich da so hineingerutscht. Unser Schulleiter wusste, dass ich meinen Unterricht gerne digitalisiert und gamifiziert habe – und als klar war, dass Informatik Pflichtfach wird, hat er mich gefragt. Ich habe nicht lange überlegt.“
Krauss ließ sich über die Weiterbildung des Landes zum Informatiklehrer ausbilden. Berufsbegleitend, ein Tag pro Woche, insgesamt drei Halbjahre. „Wir haben dort fachliche und didaktische Grundlagen erlernt, wie man Gruppenarbeiten sinnvoll gestaltet und projektbasiert arbeitet. Die Ausbildung war sehr praxisnah.“
Seine Begeisterung für Technik reicht zurück bis in seine Jugend, als er die Zeitschrift c’t quasi verschlang, Computer auseinanderschraubte und erste eigene Basteleien entwickelte – sehr zum Leidwesen seiner Eltern, wie er erzählt. Heute versucht er, genau diese Neugier an seine Schülerinnen und Schüler weiterzugeben.
Scratch, Tinkercad, Calliope – der Unterricht ist vielfältig
Informatikunterricht bedeutet für Alexander Krauss nicht, trockene Theorie zu pauken oder Befehlszeilen auswendig zu lernen. „Wir fangen mit Scratch an, einer einfachen visuellen Programmiersprache, und lassen die Schülerinnen und Schüler spielerisch kleine Spiele oder Animationen entwickeln.“
Im nächsten Schritt geht es weiter mit HTML und der Erstellung eigener Homepages. Fortgeschrittene wagen sich auch an Python – „Das ist dann schon das höhere Niveau, weil es anspruchsvoll ist“, so Krauss.
Doch bei ihm bleibt Informatik nicht auf den Bildschirm beschränkt. „Wir arbeiten mit Calliope-Mini-Platinen, die lassen sich über Blocksprache programmieren. Da bauen die Schüler zum Beispiel Push-Up-Zähler, die im Sportunterricht die Wiederholungen anzeigen.“ Auch mit 3D-Druck experimentieren seine Klassen – über die Software Tinkercad erstellen sie eigene Modelle, die dann an neuen Plug-&-Play-Druckern ausgegeben werden. „Da sehen sie sofort, was sie da tun. Gerade junge Menschen, die sonst wenig Zugang zu Computern haben, merken dann plötzlich: ‚Hey, das kann ich ja auch!‘“
Vom Spiel zur App – Informatik mit Alltagsbezug
Ein Highlight war für Krauss das Projekt zur Mülltrennung: Die Schülerinnen und Schüler entwickelten mit App-Inventor eine eigene App, trainierten eine KI mit rund 6000 Müllfotos und setzten eine Datenbank auf, die erkannte, ob ein Gegenstand in den Restmüll oder die Gelbe Tonne gehört.
„Die Schülerinnen und Schüler sind durch die Schule gezogen, haben Müll fotografiert, Datenbanken aufgebaut und die App programmiert. Das war großartig – und total nachhaltig gedacht.“ Dabei entstehen nicht nur technische Kompetenzen, sondern auch echte Begeisterung. Einige entwickelten sogar eigene Spiele mit Scratch. „Das war phänomenal gut und es hat richtig Spaß gemacht, es zu spielen.“
Lernbegleiter gefragt
Krauss versteht sich nicht als klassischer Lehrer, sondern als Lernbegleiter. „Ich gebe einen Rahmen, aber wenn ein Schüler mir sagt: ‚Das hier kann ich schon, ich will lieber mein eigenes Spiel programmieren‘, dann lasse ich ihn machen. Am Ende zeigt er mir, was er geschafft hat.“
Selbstwirksamkeit ist für ihn das zentrale Prinzip im Informatikunterricht. „In kaum einem anderen Fach können Schüler so direkt sehen, was sie selbst erreicht haben. Und sie helfen sich gegenseitig – das ist das Schöne: Informatik lebt vom Entdecken.“
Er beobachtet, wie in Gruppenarbeit Routinen entstehen: Lernende fragen sich untereinander, helfen sich oder erklären Funktionen – ganz ohne seine direkte Anleitung. „Das sorgt immer für eine Verfestigung.“
KI, Ethik und Medienkompetenz
Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein Thema – sie wird im Unterricht aktiv eingebunden.
Doch mit den neuen Möglichkeiten wachsen auch die Herausforderungen. „Wir sprechen natürlich auch über KI und Fake News. Wie leicht es ist, mit Deepfakes Desinformationen zu streuen – das müssen unsere Schülerinnen und Schüler verstehen lernen.“ Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, glaubten einige, russische Truppen seien bereits in Paris – auf TikTok war der brennende Eiffelturm zu sehen. „Da müssen wir aufklären – auch wenn das bedeutet, den Unterricht spontan umzubauen.“
Wichtig sei, die Beispiele aus der Lebenswelt der Jugendlichen zu nehmen. „Wenn ich was ganz Abstraktes mache, kann ich die Schüler nicht abholen. Es muss also immer ein klarer Lebensweltbezug da sein.“
Schulentwicklung auf Augenhöhe
Das neue Fach erfordert Teamarbeit – auch im Kollegium. Gemeinsam mit seinem Kollegen Henning Riske entwickelt Krauss das interne Curriculum. Grundlage sind die Fachanforderungen des Landes, ergänzt um eigene Schwerpunkte, die an den Erfahrungen der letzten Jahre wachsen. Auch Eltern bringen sich ein, viele mit IT-Hintergrund. Unterstützung gibt es vom Landesfachberater des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) Dr. Peer Stechert: „Der Austausch läuft richtig gut – da wird auf Augenhöhe gesprochen“, lobt Alexander Krauss die Zusammenarbeit.
Mehr Aufmerksamkeit und Konzentration
Ein Thema, das ihn beschäftigt, ist der Umgang mit Smartphones. Er hat versucht, sie kontrolliert in den Unterricht zu integrieren, aber: „Es fällt den Schülerinnen und Schülern unglaublich schwer, sich da an die Regeln zu halten.“
Heute werden die Geräte zu Beginn des Schultags eingeschlossen – und erst am Ende wieder ausgehändigt. „Das funktioniert gut.“ Für ihn eine pragmatische Entscheidung – damit Aufmerksamkeit und Konzentration wieder mehr Raum bekommen.
„Ich würde den Job immer wieder machen“
Wenn man Alexander Krauss fragt, was er sich für die digitale Bildung der Zukunft wünscht, kommt keine lange Wunschliste. „Momentan bin ich da eigentlich wunschlos glücklich.“ Vieles laufe bereits sehr gut – nicht zuletzt dank eines engagierten Schulleiters und eines motivierten Teams.
„Wenn ich mich nochmal entscheiden müsste, ob ich Lehrer werden will – ich würde es wieder tun. Das ist ein großartiger Beruf.“
TEXT Anja Nacken
FOTO Mubarak Bacondo
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