„Glücklich zu sein in einem Job ist auch ein großer Verdienst“
Wie finde ich den richtigen Beruf? Soll ich studieren oder lieber eine Ausbildung beginnen? Diese Fragen können Schülerinnen und Schüler auf der diesjährigen Berufsorientierungsmesse KROBIM klären, die das Gymnasium Kronshagen gemeinsam mit der Gemeinschaftsschule Kronshagen veranstaltet. Torben Wolgast, Koordinator der Berufsorientierung am Gymnasium Kronshagen, über die Messe, den Wandel von Berufsfeldern und einen falschen Fokus aufs Geld
Herr Wolgast, wie ist denn bei Ihnen die Berufsorientierung gelaufen? Wann wurde Ihnen klar, dass Sie in den Schuldienst gehen?
Torben Wolgast: Also zu meiner Schulzeit gab es Berufsorientierung gar nicht. Das Einzige, was berufsorientierend gelaufen ist, war dieses schöne grüne Buch, in dem alle Lehrberufe und Studienberufe drinstanden. Das konnte man sich selbst angucken. Sicherlich hätte man auch damals zum Arbeitsamt gehen können, aber das war alles wenig konstruktiv. Mein Weg hat sich erst entschieden, nachdem ich Zivildienst gemacht und danach drei Jahre im Rettungsdienst gearbeitet hatte. Ich wollte Medizin studieren, habe mich dann parallel für Medizin und für Lehramt beworben. Nachdem ich für beide Studiengänge eine Zusage hatte, habe mich schließlich bewusst für Lehramt entschieden. Und das passt bis heute glücklicherweise sehr gut. Wir waren sehr auf uns gestellt früher, was dazu geführt hat, dass etliche Leute entweder ihre Lehre oder ihr Studium abgebrochen haben, weil sie gemerkt haben, das ist nichts für mich.
Und diese Erfahrung möchten Sie Ihren Schülern ersparen oder zumindest schon frühzeitig mehr Orientierung bieten.
Wolgast: So ist es. Ich möchte den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, sich möglichst früh mit beruflichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Unsere Messe KROBIM ist hier ein tolles Format. Dort kann man sich ein Bild von unterschiedlichsten Berufsfeldern machen. Dieses Jahr erreichen wir mit 54 Ausstellern einen neuen Rekord. Das spricht für sich. Aber selbst wenn man danach rausgeht, sich über ein Berufsfeld informiert und feststellt, oh, das hatte ich mir ganz anders vorgestellt, das ist doch nichts für mich, ist auch das ein Mehrwert für die Schülerin oder den Schüler.
Die KROBIM, die Sie gemeinsam mit der Gemeinschaftsschule Kronshagen veranstalten, ist zweifelsohne ein Erfolgsmodell. Das, was Sie darüber hinaus machen, ist noch viel mehr. Zum Beispiel eine Stunde wöchentlich Berufsorientierung als eigenständiges Fach.
Wolgast: Das machen aber nicht nur wir, das ist jetzt tatsächlich landesweit vorgeschrieben. Diese Regelung ist sehr sinnvoll, wir haben schon lange dafür gekämpft und können diese Stunde sehr gut nutzen.
Grundsätzlich sieht die Regelung vor, dass Berufsorientierung fächerübergreifend überall eine Rolle spielen soll.
Wolgast: Das ist richtig, lässt sich aber kaum konsequent umsetzen. Fachanforderungen, volle Lehrpläne und teilweise kurze Halbjahre lassen oft wenig Raum. Trotzdem tun wir auch hier, was wir können. In Deutsch und in Englisch machen wir in einigen Jahrgängen beispielsweise Bewerbungstrainings: Lebensläufe und Bewerbungsschreiben auf Deutsch und auf Englisch verfassen, aber das muss immer gerade hineinpassen.
Gut, zurück zur klassischen Stunde Berufsorientierung. Wie orientieren Sie sich denn selbst in diesen Zeiten, wo alles im Wandel ist? Auf der einen Seite haben wir einen Fachkräftemangel, auf der anderen Seite haben wir Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Automatisierung. Können Sie sagen, welche Jobs es denn in zehn Jahren überhaupt noch geben wird?
Wolgast: Das ist in der Tat schwierig. Gewisse Berufe wird es auch weiterhin geben. Das Handwerk zum Beispiel kann keine KI wirklich ersetzen. Andere Berufsfelder sind im Wandel begriffen. Genau das besprechen wir auch mit den Schülerinnen und Schülern. Letztlich halten wir sie an, sich selbst ein Bild zu machen. Sie sollen zu den Berufen immer auch selbst recherchieren. Tatsächlich gibt es viele Leute, die sich in diesem Bereich noch deutlich besser auskennen als wir Lehrkräfte. Genau deswegen besuchen wir regelmäßig Veranstaltungen der Handelskammern und Berufsverbände. Insgesamt versuche ich, ein möglichst breites Bild über Berufsfelder und die Wege dorthin aufzuzeigen, damit für jeden etwas dabei ist. Auch auf der KROBIM wird vom klassischen Ausbildungsberuf über duale Studiengänge und ein klassisches Studium alles dabei sein.
Stichwort Studium: Ist eine Hochschulausbildung noch immer erste Wahl für Abiturientinnen und Abiturienten?
Wolgast: Ja, das ist leider immer noch eher so. Wenn man sich so mit den Schülerinnen und Schülern unterhält, stehen weiterhin Medizin, Jura, BWL und Lehramt im Fokus. Natürlich gibt es auch welche, die sich bewusst für eine Lehre entscheiden. Das ist auch gut so, wenn man den Fachkräftemangel und die Situation im Handwerk betrachtet. Wie heißt es so schön: Handwerk hat goldenen Boden.
Kommt das denn langsam in den Köpfen an?
Wolgast: Ich versuche immer wieder zu vermitteln, dass es überhaupt keine Schande ist, einen Handwerksberuf oder eine normale Lehre zu machen. Also mitnichten ist das so, dass ein Abiturient automatisch auch studieren muss. Warum sollte das selbstverständlich sein? Allerdings gibt es immer noch Vorbehalte, auch in der Gesellschaft. Hinzu kommt, dass es vielen jungen Menschen zuallererst um die Frage geht, was sich in einem Beruf verdienen lässt. Das sollte aber definitiv nicht das einzige Kriterium sein. Was nützt es, viel Geld zu verdienen, wenn man sich jeden Tag zur Arbeit schleppen muss? Glücklich zu sein in einem Job ist auch ein großer Verdienst. Das kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung nur unterstreichen.
TEXT Morgana Pfeifer Schridde und Erhard Mich
FOTO Mubarak Bacondo
So geht Berufsorientierung
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