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„Schule weiterdenken – Schritt für Schritt“

Ulf Schweckendiek über flexiblen Unterricht, individuelle Lernwege und Berufsorientierung als durchgehendes Prinzip

Seit drei Jahren ist Ulf Schweckendiek Schulleiter der Friedrich-Junge-Schule in Kiel. Zuvor arbeitete er in der Lehrkräftefortbildung – heute gestaltet er gemeinsam mit seinem Kollegium Schulentwicklung aus dem Alltag heraus. Im Interview spricht er über neue Formen des Lernens, die Rolle von Eigenverantwortung und darüber, warum gute Berufsorientierung nicht mit der Messe beginnt – und auch nicht dort endet.

Herr Schweckendiek, Sie sind seit drei Jahren im Amt. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Wir haben die Unterrichtssituation flexibilisiert und sind besser darin geworden, mit heterogenen Lerngruppen umzugehen. Die klassische Frontalunterrichtssituation mit den festgeschraubten Tischen in Richtung Tafel – das gibt es bei uns in vielen Klassen nicht mehr. In einigen Räumen gibt es gar kein Vorne mehr. Da wird viel individueller gelernt, auch mit individuellen Lernzeiten. Die Schüler spüren, dass sie mehr Autonomie haben, ihren Lernprozess selbst zu gestalten.

Das muss man aber auch erst lernen.

Das kann nicht jeder sofort. Aber genau darum geht es: den Schülern die Möglichkeit zu geben, Prioritäten zu setzen, Termine einzuhalten. Wichtige Skills, die wir für die Zukunft brauchen. Man muss eben sagen können: Heute ist Mathe-Tag, dann mache ich alle Matheaufgaben, morgen ist Englisch dran. In dieser Hinsicht sind wir im Unterricht deutlich weitergekommen.

Wie lässt sich so eine Veränderung schulweit umsetzen?

Nicht mit einer Entscheidung der Schulkonferenz, nach dem Motto: Ab morgen machen alle anderen Unterricht. Das funktioniert nicht. Wir setzen auf die, die Lust haben, Dinge auszuprobieren – oft da, wo auch ein gewisser Leidensdruck besteht. An Schulen, wo vordergründig alles funktioniert – der Gong geht, der Unterricht läuft irgendwie, die Leistungen sind passabel – fehlt oft die Motivation zur Entwicklung. Erst später merkt vielleicht ein Arbeitgeber oder die Uni, was nicht gelernt wurde.

Heißt das, Ihre Schule steht irgendwo dazwischen?

Bei uns funktioniert vieles gut. Aber eben nicht alles – und auch nicht für alle. Es gibt immer Schülerinnen und Schüler, für die das System nicht passt, manchmal werden die als „Systemsprenger“ bezeichnet. Bei uns ist das nicht häufig, aber trotzdem spüren wir, dass Veränderung notwendig ist. Schulbildung ist schwer messbar, und zentrale Abschlussprüfungen sagen nur begrenzt etwas aus. Manchmal korreliert Bildung eher mit Lebensglück oder späterem Einkommen – und dafür muss Schule selten geradestehen. Deshalb setzen wir auf eine Art Partisanentaktik: die mitnehmen, die wollen, und andere schauen lassen, was geht.

Ihr Blick auf das System ist ungewöhnlich. Woher kommt er?

Ich bin kein klassischer Lehrer, sondern habe 15 Jahre in der Lehrkräfte-Außenfortbildung gearbeitet. Mein fachlicher Hintergrund liegt in der Klimawissenschaft. Für mich war immer zentral, Kinder in ihrer Eigenverantwortung zu stärken – im eigenverantwortlichen Lernen. Es gibt Schulen, die machen dafür Teile des Stundenplans komplett anders: fünf Minuten kürzere Stunden, die zu Lernzeiten zusammengefasst werden. Unser Modell kommt aus Flensburg, heißt dort „Lernhafen“, bei uns „Küstencampus“. Es ermöglicht, dass Teile des Stundenplans von Schülern selbst organisiert werden – mit Inputphasen und Phasen eigenständiger Arbeit an Tischen, die nicht mehr zur Tafel ausgerichtet sind.

Ist das offiziell genehmigt oder arbeiten Sie am Rand des Machbaren?

Wir müssen sicherstellen, dass die Fachanforderungen und die Stundentafeln eingehalten werden – also das, was das Land festgelegt hat. Man kann nicht sagen: Wir machen kein Mathe mehr, weil es keiner will. Aber innerhalb dieses Rahmens ist viel möglich. Die Schule hat die Verantwortung, möglichst wirksames Lernen zu organisieren.

Ziehen alle Lehrkräfte mit?

Das ist ein Prozess. Es braucht erst einmal einige, die bereit sind mitzumachen haben, mitzumachen. Eine gute Fehlerkultur ist dabei wichtig. Das bestehende System – viele Einzelstunden, viele Lehrkräfte, viele Fächer – muss sich selten rechtfertigen. Aber wir wissen heute, dass themenzentriertes Arbeiten lernwirksamer ist als fächerzentriertes. Trotzdem sind Lehrkräfte in Fächern ausgebildet – und das prägt natürlich, wie sie arbeiten.

Wer ist besonders offen für neue Wege?

Erstaunlich oft diejenigen, die vorher andere berufliche Erfahrungen gemacht haben – also Seiten- und Quereinsteiger oder anderes pädagogisches Personal. Die wissen, wie es auch anders gehen kann. In der klassischen Ausbildung kommt das oft zu kurz. Der Rahmen ist da, aber man nutzt ihn nicht konsequent. Es geht auch um das Bild des Lehrberufs. Wer nach dem Abitur Lehrer werden will, hat meist ein ziemlich festes Bild davon, was Lehrkräfte tun.

Und dieses Bild ist schwer zu verändern?

Man hat Lehrkräfte sein ganzes Leben lang beobachtet – im Unterricht, in Prüfungen, im Lehrerzimmer. Dieses Bild ist ziemlich stabil. Und weder das Studium noch das Referendariat oder Fortbildungen beeinflussen es ernsthaft. Deshalb tut sich Schule so schwer, sich zu verändern. Die Vorstellung bleibt: Ich stehe vorn, erkläre etwas. Ob die Tafel dann digital ist, macht keinen großen Unterschied.

Was wäre für Sie der entscheidende Punkt?

Angstfreiheit. Man muss sagen können: Probier das doch mal aus. Pädagogik ist immer Try and Error. Wenn es nicht klappt, macht man es anders. Wenn Schule das vermitteln kann – auch Lehrkräften – dann entsteht etwas. Man darf seinen eigenen Interessen folgen. Und man muss sich ständig anpassen.

Wie kam es, dass Sie 2005 in die Schule gegangen sind?

Zu der Zeit wurden Lehrkräfte für Mathe und Physik gesucht, und ich bin als Seiteneinsteiger gekommen. Kurz danach war ich schon am Landesinstitut, habe Fortbildungen und Bildungsprogramme gemacht – mein Thema war damals schon der Klimawandel. Aber es war irgendwie absurd: Ich habe Vorschläge gemacht, wie Schule sich entwickeln sollte, ohne selbst in der Schule zu arbeiten. Also sagte ich mir: Wenn du glaubwürdig sein willst, musst du das selbst machen. Und das war sehr spannend – und ist es immer noch. Man weiß nie genau, wo es einfach geht und wo man sich eine blutige Nase holt. Aber es macht Spaß, weil man nah dran ist – an den jungen Menschen, an Bildungsprozessen. Und das ist konkreter als Reden für Ministerien zu schreiben.

Ein großes Thema an Ihrer Schule ist die Berufsorientierung. Wie ist die organisiert?

Berufsorientierung beginnt bei uns in Jahrgang 7 und wird in Jahrgang 8 intensiver. Ziel ist, dass jede und jeder bei uns seinen eigenen Weg findet. Nicht alle machen das Gleiche – sondern wir schauen genau hin: Wer passt wohin?

Welche Rolle spielt dabei DIGI:BO?

DIGI:BO ist unser zentrales Instrument. Die Plattform bietet viele Möglichkeiten – Schülerinnen und Schüler können sich individuell orientieren und gezielt auf Berufe zugehen. Ohne diese Plattform wäre die Vorbereitung auf unsere Berufsorientierungsmesse BOM kaum denkbar. Die Messe funktioniert nur, wenn die jungen Menschen wissen, was sie interessiert und was sie fragen wollen. Sonst wird das eine Flyerparade.

Also ist die Messe eher ein Zielpunkt – nicht der Anfang?

Die Berufsorientierung läuft bei uns eigentlich dauerhaft – man kann nicht sagen: Nächste Woche ist Messe, jetzt fangen wir mal an. Die Fragestellung schwebt ständig über allem. Wir überlegen auch, wie wir BO stärker mit dem Fachunterricht verknüpfen können. Zum Beispiel: Wo wird in einem Beruf gerechnet? Wo findet man demokratische Strukturen? Wenn man in vielen Fächern eine Projektion auf das Berufsleben findet, wird BO greifbarer.

Wie weit ist die Verbindung von Berufsorientierung und Unterricht schon umgesetzt?

Die Kolleginnen und Kollegen, die sich damit beschäftigen, machen das schon ziemlich gut. Aber es ist noch nicht systematisch genug. Unser Fachunterricht ist stark unterteilt. Wir geben den Schülerinnen und Schülern viele einzelne Inhalte – aber wie man daraus eine Gesamtkompetenz formt, bleibt oft bei ihnen selbst. Und genau da liegt eine der zentralen Herausforderungen: Wir müssen als Schule deutlicher machen, wie sich Dinge verbinden lassen. Nicht nur beim Übergang in den Beruf, sondern generell beim Lernen.

Was ist Ihr Ziel für die nächsten Jahre?

Ich wünsche mir, dass Schule ein Ort bleibt, an dem man Dinge ausprobieren darf – ob als Lehrkraft oder als Schüler. Dass man lernt, Verantwortung zu übernehmen, ohne mit ständiger Angst zu scheitern. Und dass wir weiter Strukturen schaffen, die nicht perfekt sind, aber Entwicklung ermöglichen. Denn genau das ist Schule: kein fertiges System, sondern ein Arbeitsfeld – mit vielen Baustellen, aber auch viel Potenzial.

TEXT Anja Nacken / Markus Till
FOTO Mubarak Bacondo

So geht Berufsorientierung

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