KI im Klassenzimmer: Wir können die Kinder nicht alleine lassen
Wie Künstliche Intelligenz an der FJS Einzug hält.
Sören Kohrt unterrichtet Deutsch, Geschichte, Geographie und WiPo an der Friedrich-Junge-Schule in Kiel. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich intensiv mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz im Unterricht. Im Gespräch berichtet er über Chancen, Grenzen und die Herausforderung, Schülerinnen und Schüler zu einem reflektierten Umgang mit KI zu befähigen.
Wie hat der Einsatz von KI im Unterricht der FJS begonnen?
ChatGPT war damals ja der große Brecher. Das erste Mal hatte man das Gefühl, dass da etwas ist, das ansatzweise intelligent wirkt. Das wollte ich im Unterricht thematisieren. Trends erst einmal auszusitzen, finde ich schwierig. Denn die Schüler fangen in der Regel sofort an, sowas zu benutzen. Aber es geht nicht darum, KI zu benutzen, weil sie hip ist, sondern darum, einen Mehrwert zu finden. Am Anfang war es wahnsinnig umständlich, das im Unterricht zu machen. Denn ich kann keine Accounts für Schüler bei kommerziellen Unternehmen einrichten und natürlich auch nicht von ihnen verlangen, das mit privaten E-Mail-Adressen zu tun. Das war ein riesiges Problem.
Wo sehen Sie heute die Herausforderungen?
Ich kann ein gewisses Deskilling beobachten. Nach einem Methodentraining in der siebten Klasse sagten neulich alle, dass sie die KI jetzt ganz gut bedienen könnten. Wenn man den Schülern dann aber einen konkreten Arbeitsauftrag gibt, der mehr erfordert, als eine Anfrage zu stellen und mit der Antwort zufrieden zu sein, merkt man schnell, dass sie das gar nicht gut können.
Wo liegen die Defizite?
Allein das Thema Prompten: Wie formuliere ich meinen Arbeitsauftrag, was sollte ich bedenken, damit das Ergebnis zu dem passt, was ich will? Meine Schüler denken ganz wenig darüber nach. Man muss mehr tun, als eine Google-Anfrage bei der KI einzugeben. Suchmaschinen haben für die Schüler praktisch aufgehört zu existieren. Jeder betreibt Recherche nur noch über ChatGPT. Das passt aber gar nicht zu dem, was KI besonders gut kann. Als Suchmaschine ist sie immer noch nur mäßig geeignet.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Wenn ich ein Märchen schreiben soll, kann ich ChatGPT sagen: ‚Schreib ein Märchen.‘ Dann habe ich mein Märchen und die Aufgabe ist fertig. Wenn der Schüler die ganze Zeit mit KI arbeitet, hat er am Ende zwar viele Märchen erstellt, kann diese aber gar nicht kritisch reflektieren, weil er die Basics nicht beherrscht. Aber ein KI-Verbot ist nicht realistisch. Es ist okay, KI-Anwendungen zu benutzen. Ich möchte dann aber, dass unter der Aufgabe dazu steht: ‚Ich habe KI benutzt und diesen Prompt habe ich verwendet.‘ Es ist ja albern für mich, ein Märchen zu lesen, das von einer KI stammt und dem Schüler eine Rückmeldung zu geben. Das müsste ich dann ja eigentlich OpenAI schreiben. Was ich dem Schüler aber zurückmelden kann, ist: ‚War dein Prompt angemessen? Wenn du deine Aufforderung so geändert hättest, wäre das Ergebnis besser gewesen.‘
Verlagern wir nicht nur Kompetenzen, wie bei der Einführung des Taschenrechners?
Nicht ganz. Der Taschenrechner macht schriftliche Rechenverfahren unnötig. Trotzdem lernen wir sie in der Schule, damit wir merken, wenn wir ein Unsinnsergebnis bekommen. Man braucht Grundlagen, um die Ergebnisse beurteilen zu können. Vielleicht ist es tatsächlich nicht mehr nötig, dass ein Schüler einen formalen Brief oder eine E-Mail komplett selber schreibt, weil er das im Beruf von einer KI formulieren lässt. Aber er muss die Grundlagen kennen, um einzuschätzen, ob das Ergebnis akzeptabel ist.
Hinzu kommen sicher auch gesellschaftliche Komponenten?
Absolut. Ist es sinnvoll, dass Jugendliche keinen formellen Brief mehr schreiben können, ohne die Unterstützung von amerikanischen Techgiganten wie zum Beispiel Peter Thiel oder Sam Altman? Die europäische Gesellschaft würde wahrscheinlich sagen: ‚Von solchen Akteuren wollen wir nicht abhängig sein, wenn es darum geht, unsere kommunikativen Grundbedürfnisse regeln zu können‘.
Wie gehen Sie mit Falschinformationen um?
Ich versuche den Schülern zu erklären, dass es dem Sprachmodell nicht wichtig ist, ihnen eine wahre Information zu geben. Es rechnet aus, welche Wörter in den Milliarden von Trainingsdaten häufig in Verbindung miteinander stehen, und gibt eine wahrscheinliche Kombination aus. Es sagt meistens nicht dazu, dass die Wahrscheinlichkeit extrem gering ist, sondern liefert die Antwort mit hundertprozentiger Überzeugung. Je absurder meine Anfrage ist, desto eher bringt man die KI zu einer absurden Antwort. Und viele der kommerziell erfolgreichen Modelle werden eben nicht in Europa betrieben. Wir verlassen uns auf Leute, die in ganz anderen politischen oder weltanschaulichen Kontexten denken. Von chinesischen Modellen mit staatlicher Beeinflussung ganz zu schweigen.
Wie sieht für Sie die ideale Unterstützung aus? Warten Sie auf Handreichungen aus den Ministerien?
Die Schulverwaltung ist noch nicht so weit, dafür Handreichungen zu geben. Und wenn, dann sind sie zeitverschoben und beziehen sich auf den Stand von vor sechs Monaten. Seitdem hat sich die Situation durch die exponentielle Entwicklung schon wieder riesig verändert. Schulen sind darauf angewiesen, dass Kollegen interessiert und engagiert genug sind, sich selbst damit zu beschäftigen. Wir sind an unserer Schule in der glücklichen Situation, dass wir eine Schulleitung haben, die relativ offen dafür ist, datenschutzkonform korrekte Lizenzen für alle Kollegen zu bezahlen. So können die Schüler die Tools nutzen, ohne dass wir sie privat finanzieren müssen. Das ist ein Luxus, den nicht jeder hat.
TEXT Morgana Pfeifer Schridde
FOTO Mubarak Bacondo
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