„Die heutige Jugend ist hyperdigitalisiert“
Die Generation Alpha erobert den Ausbildungsmarkt und Koordinator Chris Jacobsen weiß, worauf es jetzt ankommt
Geboren zwischen 2010 und 2025 befassen sich gerade die ersten Jugendlichen der Generation Alpha mit der Frage: Was will ich werden und welche Ausbildung passt zu mir? Als erste Generation, die von klein auf mit digitalen Technologien aufwächst, steht sie vor Herausforderungen als diejenigen, die sie beraten. Dennoch können junge Menschen dieser Generation von den Erfahrungen und dem Wissen von BO-Lehrern wie Chris Jacobsen profitieren. Im Gespräch erklärt der BO-Koordinator der Friedrich Junge Schule, worauf es bei der Berufsorientierung der Generation Alpha ankommt.
Berufsorientierung mit der Generation Alpha. Was ist neu?
In der Arbeitswelt treffen bald Babyboomer und gemäßigte Digitale auf die Generation Alpha. Junge Menschen dieser Generation werden die Arbeitswelt maßgeblich prägen und erneuern, denn sie sind besonders zukunftsorientiert und fokussiert Werte wie Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit. Zudem ist die heutige Jugend hyperdigitalisiert und lernt von klein auf den Umgang mit digitalen Medien. Das sind Themen, auf die sich Firmen in Zukunft einstellen müssen.
Mensch und Maschine – wie sieht die Berufsorientierung im Jahr 2025 aus?
Die Berufsfindung war früher eine reine Mensch-zu-Mensch-Interaktion. Dadurch, dass die Jugend heute viel stärker im Digitalen zu Hause ist und das Digitale insgesamt wächst, übernimmt es auch hier Aufgaben – zum Beispiel durch Apps, die beraten oder die eigenen Stärken und Schwächen nennen. Absolviert man heute einen Online-Persönlichkeitstest, gibt es durchaus hochprofessionelle Tests, die valide Ergebnisse bereithalten – so kann eine Potenzialanalyse für Schülerinnen und Schüler heutzutage von digitaler Natur sein. Inzwischen gibt es kaum noch Erkundungsmöglichkeiten im beruflichen Kontext, zum Beispiel in Ausbildungswerkstätten oder an Berufsfelderprobungstagen. Das wird alles aus Kostengründen gestrichen, und genau da können wir digital ansetzen und versuchen, auszugleichen. Wir sind da hoffentlich auf dem richtigen Weg und vielleicht auch anderen Schulen einen Schritt voraus, sodass wir uns starke Partner heranholen und digitale Betriebserkundungen durchführen, um virtuelle Praxiserfahrung zu ermöglichen.
Wie muss man sich das vorstellen?
Diese Entwicklungen stecken noch in den Kinderschuhen, doch die Generation Alpha steht auch erst am Anfang. Es gibt bereits relativ viele Möglichkeiten, Betriebserkundungen digital am Bildschirm zu erleben. Wir wollen den Jugendlichen nur das anbieten, was für sie interessant ist. In der Vergangenheit bedeutete Berufsorientierung, alle bekommen alles, aber nur für ganz wenige sind einzelne Informationen interessant. Individualität und personalisierte Lernpfade sind genau das, was die Generation Alpha braucht. Unser neues, seit zwei Jahren bestehendes Campus-System ermöglicht es, viel Zeit für persönliche Coachings aufzuwenden und die Schülerinnen und Schüler individuell oder in Kleingruppen zu begleiten und passgenau zu informieren. Beliebt sind auch unsere Mentoring-Programme mit Schülerpaten oder in Kooperation mit den Rotariern, die einige von ihnen an die Hand nehmen. So sind bereits einige Schüler an gefragte Ausbildungsplätze bei beliebten Unternehmen gekommen.
Wie tritt die junge Generation der Arbeitswelt entgegen?
Die Generation Alpha empfindet die Kontaktaufnahmen häufig als besonders abschreckend und hat Berührungsängste, mit Erwachsenen – beziehungsweise Vorgesetzten – in den Dialog zu treten. Die Kompetenzen junger Menschen haben sich verschoben. Digital sind sie stark, aber zum Beispiel formelle Telefonate empfinden sie als Hürde. Mit den von uns initiierten persönlichen Kontakten bauen wir diese Hürden ab. Wird ein Schüler dann noch vom Betrieb ermutigt, sich zu bewerben, hat er bereits ein ganz anderes Entree und geht selbstsicherer in die neue Situation. Andererseits müssen wir den jungen Menschen, dass Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit wichtige Tugenden der Arbeitswelt darstellen und auch in Zeiten erhöhter Flexibilität und Optionen wie Remote Work, Home Office, Hybrid-Modellen und Gleitzeit die gleiche Relevanz wie früher besitzen.
Wie bereitet die Schule konkret auf die Arbeitswelt vor?
Die jungen Menschen haben klare Vorstellungen hinsichtlich ihrer Werte und Ideale, aber nicht so sehr dahingehend, welcher Beruf sie ruft. Genau da setzen wir an. Ein echter Entwicklungsschub findet immer im Sommer zwischen der achten und der neunten Klasse statt. Die Schüler gehen als Kinder in die Sommerferien und kommen als junge Erwachsene zurück. Leider ist in Klasse neun für viele, die nach der Klasse die Schule verlassen, nur noch wenig Zeit. Unsere Schülerinnen und Schüler profitieren von den BOM-Datings. Im Rahmen dieser Veranstaltungen können sie aus einem Strauß von Firmen ihren Favoriten wählen und ein bis zwei Schnuppertage bei ihm verbringen.
Welche Entwicklungen würden Sie in der Berufsorientierung begrüßen?
Gamification – ich hoffe auf Berufsorientierung im Gaming-Format. Mit Hilfe starker virtueller Erfahrungen könnte man noch mehr Schüler motivieren. Diese könnten verschiedene ansprechende Level erreichen und im Metaverse alles Mögliche erleben – zum Beispiel ein Praktikum in New York beim Hochbauunternehmen.
Stichwort KI an Schulen – für welchen Umgang plädieren Sie?
Im Grunde wäre es nachvollziehbar zu sagen, KI ist keine eigene Leistung, also wird der Umgang mit ihr verboten. Doch wir als Schule können die Entwicklung nicht aufhalten. Ich glaube, als Schule ist es richtig zu sagen: Wir nutzen KI, schulen den richtigen Umgang und geben Regeln vor, wie sie zu verwenden ist. Denn es ist auch eine Kompetenz, KI vernünftig zu bedienen.
Herr Jacobsen, danke für das Gespräch.
TEXT Kristina Krijom / Markus Till
FOTO Mubarak Bacondo
So geht Berufsorientierung
Eine korrekte und aussagekräftige Bewerbung ist der erste Schritt auf dem Weg in die Ausbildung. In unserem Servicebereich steht außerdem, wie man die nachfolgenden Herausforderungen in Vorstellungsgespräch, Assessmentcenter und dem Start ins Arbeitsleben erfolgreich meistert.