„Demokratie lebt vom Mitmachen“
Felix Lohmann bringt politische Bildung an die Schule – und Forschung in die Praxis
Sein Herz schlägt für die Lehre – und für die Demokratie. Denn Felix Lohmann ist nicht nur Lehrer für WiPo und Englisch an der Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule, sondern auch Demokratieforscher, Fachschaftsleiter, Personalratsmitglied und Leiter des Demokratiewerks an der CAU in Kiel. Seit seinem Referendariat 2016 engagiert sich der 38-Jährige für eine Schule, in der Schülerinnen und Schüler Demokratie nicht nur lernen, sondern leben. Er verknüpft seine praktische Arbeit im Klassenzimmer mit seiner Forschung an der Universität – und schafft so Lernräume, die Selbstwirksamkeit, Respekt und Teamarbeit stärken.
Seit drei Jahren leiten Sie das Demoktratiewerk an der CAU – was hat es damit auf sich?
Das Demokratiewerk ist ein außerschulischer Lernort, ein Lehr-Lernlabor, das an dem IPN, dem Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Uni angesiedelt ist. Dort probieren wir handlungsorientierte, experimentelle Lernformen aus – in meinem Fall für die Demokratiebildung. Es gibt viele weitere Labore, die meisten für den naturwissenschaftlichen und den MINT-Bereich.
Welche Aufgaben kommen Ihnen im Demokratiewerk zu?
Allem voran übernehme ich konzeptionelle Aufgaben. Dabei identifizieren wir schulische Leerstellen und schauen, was in der Schule noch nicht so gut funktioniert. Wir fragen uns, wofür es keine Räume gibt, wofür es keine Zeit gibt oder nicht die richtige Struktur, um politische Bildung und Demokratiebildung zu ermöglichen. Aktuell findet politische Bildung durch Demokratie noch nicht so sehr in der Schule statt. Denn Schule ist ja kein grundlegender demokratischer Ort für die Schülerinnen und Schüler. Demokratie lebt vom Mitmachen. Daher ist es unser Ziel, demokratiefördernde Kompetenzen bei den jungen Menschen auszubauen. Dazu gehören viele soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Respekt und Selbstwirksamkeit, die auch für die Berufsorientierung relevant sind. Wir entwickeln dann Workshops, an denen Schülerinnen und Schüler teilnehmen können, evaluieren diese und betrachten die Wirkung. Schließlich schauen wir, wie wir mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen mittelfristigen Einfluss auf die Demokratiebildung an Schulen haben können.
Wie lässt sich diese Demokratiearbeit in der Schule leben?
Meine Doppelrolle ermöglicht das gut und ich binde meine neunte Klasse gerne ein oder frage Ann-Kathrin Wille, die die Berufsorientierung inzwischen leitet, oder andere Kolleginnen und Kollegen, ob sie mit ihrer Klasse vorbeikommen wollen. Bislang wollten alle gerne mitmachen. Die Uni profitiert von den Schülerinnen und Schülern und diese profitieren von meinen Erkenntnissen aus der Uni. Das sind echte Synergieeffekte. An der Uni ist es ja Gang und Gäbe, dass jemand Abgeordneter und Lehrkraft ist. Es ist ein riesengroßer Vorteil, wenn man in beidem aktiv ist und man beide Lernfelder hat. Ich kenne mich in meinem Forschungszweig an der Uni aus und arbeite eng mit den Fachdidaktikerinnen und -didaktikern sowie weiteren Forschenden zusammen. Und bin außerdem in der Schule als Klassenlehrer und WiPo-Profillehrer tätig. So erlebe ich Forschung und Praxis und kenne Leerstellen und Bedarfe aus meinem Alltag.
Wie wurden Sie Leiter des Demokratiewerks?
Ich habe mich regulär auf eine Ausschreibung beworben. Zunächst war das Projekt auf drei Jahre begrenzt, wurde nun jedoch um sechs Jahre, bis 2030, verlängert. Das ist natürlich gut für die Planungssicherheit. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir ein solides Basisprogramm entwickelt haben, das wir nach und nach immer wieder beforschen und im Hinblick auf seine Wirksamkeit untersuchen können. Das tun wir mit Hilfe von Vorher-Nachher-Befragungen und Follow-up-Befragungen. Diese empirischen Untersuchungen funktionieren so gut, weil wir nun die inhaltliche Basis gelegt haben.
Wie ist das Demokratiewerk aufgebaut?
Die Leitungsposition teile ich mir mit einem Fachdidaktiker, also einem Wissenschaftler, der in dem Bereich promoviert hat und am Lehrstuhl tätig ist. Er macht ganz viel Lehre in der Fachdidaktik, also in der Ausbildung der Lehrkräfte. Zudem haben wir fünf studentische Hilfskräfte angestellt. Wir sind ein kleines Team. Wir würden gerne noch jemanden anstellen, aber am Ende werden wir ganz gut ausgestattet und sehr vom Bildungsministerium unterstützt.
Wie können Sie in der Schule einbringen, was Sie am Demokratiewerk an der Uni erarbeitet haben?
Beispielsweise haben wir im letzten Jahr ein Profilseminar im zwölften Jahrgang entwickelt. Wir hatten einen Projekttag an der Uni am Demokratiewerk und diesen als Kick-Off-Veranstaltung genutzt. „Demokratie in Aktion, wir gestalten unsere Region“, heißt der – ein total handlungsorientierter Tag, an dem die Schülerinnen und Schüler Projekte im öffentlichen Raum oder im Schulraum entwickeln, die sie wirklich umsetzen wollen. Also ein ganz tolles Beispiel für die Stärkung von Selbstwirksamkeit, Handlungsorientierung, die Zusammenarbeit im Team und mehr. Auf Basis dieses Projekttages haben wir schließlich ein Profilseminar von wöchentlich zwei Stunden entwickelt, im Rahmen dessen wir mit fast dem ganzen zwölften Jahrgang in sehr heterogenen Gruppen kleine, echt tolle Projekte weiterentwickeln. All das haben wir verschriftlicht und die Materialien inklusive fachdidaktischer Richtungen veröffentlicht und anderen Schulen bereitgestellt. Diese praktische Anwendung und das Weitergeben funktioniert in erster Linie, weil ich in der Praxis als Lehrer tätig bin.
Warum liegt Ihnen die Demokratiebildung so am Herzen?
Mir ist wichtig, dass diese demokratiefördernden Kompetenzen, also zum Beispiel Selbstwirksamkeit, Teamfähigkeit, Respekt, aber auch Ambiguitätstoleranz, an der Schule gestärkt werden. Gerade in Bezug auf diese Handlungsorientierung gibt es eine Leerstelle im schulischen Raum, weil Schülerinnen und Schüler ganz viel Input aufnehmen, aber nicht so viel selbst mitgestalten. Hier gibt es ganz viele Überschneidungen mit der Berufsorientierung, denn die Kompetenzen, die sie in der Demokratiebildung erwerben, sind erstens äußerst wichtig für das spätere Berufsleben, und zweitens sind Berufsorientierung und ins Handeln kommen, aktiv werden, eng verknüpft. Wir hatten gerade drei Schüler, die genau dort ihre Ausbildung beginnen, wo sie vorher Praktikum gemacht haben. Sie hätten auch weiter zur Schule gehen können, haben sich jedoch für die Ausbildung entschieden, weil sie da gute Erfahrungen gemacht haben, ein tolles Team vorgefunden haben. Das empfinde ich als super wertvoll und ein gutes Zeichen für die Berufsorientierung, aber auch für das Zusammenleben in einer demokratischen Kultur.
TEXT Kristina Krijom / Markus Till
FOTO Mubarak Bacondo
So geht Berufsorientierung
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