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Vom Zeltlager in die Ski-AG: Kopf frei für das echte Leben

Keine Handys, keine digitalen Ablenkungen, stattdessen Natur, Sport und echtes Miteinander. Sport- und Englischlehrer Patrick Göth setzt seinen Fokus an der Isarnwohld Schule bewusst auf Erlebnisse außerhalb des klassischen Klassenzimmers. Ob beim „Isarnwohld Camp“ in Selker Noor oder Skireise ins Kleinwalsertal: Das Ziel bleibt dasselbe. Es geht darum, den eigenen Körper zu spüren, als Gemeinschaft zusammenzuwachsen und die Persönlichkeit zu stärken. Ein Gespräch über Leidenschaft, Verantwortung und den Mut, einfach mal offline zu sein.

Patrick Göth unterrichtet seit 2007 an der Isarnwohld-Schule, doch seine eigentlichen „Steckenpferde“, wie er sie selbst nennt, liegen außerhalb des Klassenzimmers. Göth ist ein Verfechter des „Lernens am anderen Ort“. Sein Credo: Raus aus der Schule, rein ins praktische Leben. In diesem Schuljahr feiert deshalb ein ganz besonderes Projekt Premiere: das Isarnwohld Camp.

Das Camp-Prinzip: Schüler leiten Schüler

„Der Gedanke des Camps ist in erster Linie, die Schulgemeinschaft außerhalb der Schule zu erleben“, erklärt Patrick Göth. Konzipiert ist das viertägige Zeltlager für die fünften und sechsten Klassen. Der Austragungsort ist das Selker Noor, idyllisch gelegen in der Nähe von Schleswig und dem historischen Wikingerort Haithabu.

Das Besondere an dem Konzept, das Co-Organisatorin Nele Zeynova von ihrer alten Schule mitgebracht hat: Die Lehrkräfte halten sich im Hintergrund. Denn: Es reisen 90 bis 100 jüngere Schülerinnen und Schüler an, betreut und angeleitet werden sie jedoch von 30 Jugendlichen aus der Oberstufe. Patrick Göth und Nele Zeynova halten sich bewusst im Hintergrund und greifen nur in Notfällen ein. Auch für die älteren Schüler ist das Isarnwohld-Camp ihr erstes eigenes Pfadfinder-Projekt. Und das hat ein ganzes Schuljahr an Vorbereitungszeit in Anspruch genommen.

„Wir Lehrkräfte sind in der Regel wirklich nur die Begleitkräfte. Wir sind die Ansprechpartner, wenn alles andere nicht funktioniert.“

In einer freiwilligen AG, die alle zwei Wochen stattfand, haben die älteren Schülerinnen und Schüler das Camp akribisch geplant. Wie strukturiert man Gruppen? Wie erzeugt man eine Gruppendynamik? Wie sieht das Abendprogramm aus? Um die Identifikation in den Zehnerzelten zu stärken, wurden farbige Bänder entworfen – oft in den Pausen zwischen Tür und Angel oder in der Freizeit.

Für die Oberstufenschüler ist das Camp wie ein kleines, aber intensives Praktikum mit viel Eigenverantwortung. Sie lernen, wie sie mit Stresssituationen umgehen und wie es ist, eine Gruppe zu führen. „Mag ich es, mit Menschen zusammenzuarbeiten? Kann ich mir einen Beruf als Erzieher oder Lehrer vorstellen?“, schlägt Patrick Göth den Bogen zur Berufsorientierung. Der nachhaltigste Effekt entsteht dann, wenn die Jugendlichen merken: “Ich habe mir etwas ausgedacht, ich habe die Freiheit bekommen, es umzusetzen, und es funktioniert.”

Digital Detox im Zeltlager und Hochgebirge

Ein zentraler Pfeiler von Göths außerschulischen Lernorten ist der bewusste Verzicht auf das Smartphone. In einer Zeit, in der soziale Medien den Alltag dominieren, setzen das Isarnwohld Camp und auch die traditionsreiche Schulskireise ein Zeichen. Im Camp sind Handys komplett tabu. Es geht um das pure „Sein“ in der Natur. Das Selker Noor bietet dafür die perfekte Kulisse: Stand-up-Paddling, Kanus, einen eigenen Hochseilgarten, Fußballfelder und Tischtennisplatten.

„Es geht darum, diese Gemeinschaft, sich selbst und die Gruppe analog zu erleben. Sachen zu machen, die man sonst im Alltag nicht macht“, betont Göth. Dieses Konzept zieht sich auch durch sein zweites großes Herzensprojekt: die jährliche Skireise ins Kleinwalsertal in Österreich, die er seit mittlerweile 15 Jahren für die neunten und zehnten Klassen organisiert.

Während die Handys im Hochgebirge aus Sicherheitsgründen auf der Piste zwar im Rucksack stecken, gilt in der Hütte eine Sperrstunde. Abends wird nicht auf Bildschirme gestarrt, sondern geredet und gespielt.

Wie setzt man so etwas bei 15- und 16-Jährigen durch? Göth setzt auf offene Kommunikation statt strikte Verbote: „Ich habe den Schülern erklärt, wie ich dazu stehe. Dass der Schwerpunkt der Reise darauf liegt, das Miteinander zu erleben und sich auf diese Woche einzulassen. Und sie respektieren das. Es gibt nie jemanden, der diskutiert.“ Wenn abends auf dem Zimmer eine kurze Nachricht an die Eltern getippt wird, ist das völlig okay, im Gemeinschaftsraum bleibt das Gerät jedoch in der Tasche.

„Den Körper spüren, um den Geist zu erleben“

Die Veränderung, die Göth bei den Jugendlichen im Laufe solcher Fahrten beobachtet, ist groß. Zu Beginn der Skireise, oft hätten circa 80 Prozent der Schüler noch nie die Berge gesehen, herrscht riesige Aufregung. Sozialer Druck, körperliche Anstrengung und die ungewohnte Umgebung auf einer abgelegenen, aber bewirtschafteten Hütte auf 2.000 Metern Höhe sorgen für Trubel. Doch das ändere sich schnell.

„Sport hat für mich eine ganz hohe Priorität. Man muss den Körper spüren, um den Geist zu erleben. Diese Körperlichkeit bringt danach eine gewisse geistige Ruhe“, erklärt der Sportlehrer. Die Schüler müssen sich um sich selbst und ihr Material kümmern, neue motorische Kompetenzen erlernen und sich in die Gruppe einfügen. Am Ende der Reise kehren sie deutlich ruhiger und geerdeter zurück. Es entsteht ein kollektives Wohlgefühl, eine Geborgenheit in der Gemeinschaft, die weit über die Fahrt hinausreicht.

Diese transformative Kraft erhofft sich Patrick Göth auch vom anstehenden Isarnwohld Camp. Neben Action auf dem Wasser soll es bewusste Ruhephasen geben: „Einfach mal am Feuer sitzen, sich unterhalten oder auch nur schweigend ins Feuer gucken. Nur da sein in der Gruppe.“

Analoge Oasen im digitalen Schulalltag

Für Patrick Göth steht fest: Handys und Tablet haben ihren Platz an der Schule, aber die wahre Identifikation mit der Einrichtung und die Stärkung der eigenen Persönlichkeit passieren auf der analogen Ebene. Wer sich selbst gut kennt und sich in seiner Gruppe sicher fühlt, kann auch im Klassenzimmer Vollgas geben. Und das Isarnwohld Camp und die Skireise sind dafür gute Einsteigsmöglichkeiten.

TEXT Morgana Pfeifer Schridde
FOTO Mubarak Bacondo

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